Als ich mir das Aufräum-Buch von Marie Kondo Anfang 2018 kaufte, hatte ich noch nie bewusst von dem Thema Minimalismus gehört. Ich fand einfach nur die Herangehensweise von ihr interessant und wollte das Buch lesen. Danach aufzuräumen und auszumisten stand dabei gar nicht im Fokus. Aber innerhalb von anderthalb Tagen, von Samstag auf Sonntag, hechtete ich das Buch durch und war bereits Sonntagnachmittag angefixt, der Wohnung einen kleinen Tritt zu versetzen.

Wenn man jedes Mal, wenn etwas Maßgebliches passiert oder man sich für etwas Bestimmtes entscheidet, wüsste, dass dies ein besonderer Moment ist … Denn meine Ausmisten-und-Aufräumen-Aktion war eindeutig eine von diesen Entscheidungen, die ganz viel in meinem Leben ausgelöst hat.

Aber zunächst zu meiner “Ich-halbiere-meine-Sachen”-Entscheidung.

Marie Kondo und ihre Methodik

Spätestens seit der Netflix-Reihe mit Marie Kondo weiß gefühlt die halbe Welt, wie diese Methode funktioniert. Hier aber noch einmal der Vollständigkeit halber:

  • Das Grundprinzip besteht darin, nur Sachen zu besitzen und um sich herum zu haben, die einem Freude bereiten. Es gibt auch Minimalisten, die diesen Grundsatz ausweiten und ergänzen: “… oder nützlich sind.” Trotzdem spielt wahrscheinlich die Freude bei dem Nützlichen auch eine große Rolle.
  • Im Laufe des Prozesses nimmt man alles – ja, ALLES – einmal in die Hand, fühlt in sich rein und entscheidet dann, ob es bleiben kann oder gehen muss. Was passiert, hängt von dem Gefühl ab, das das Teil in der Hand aussendet. Diese Herangehensweise geht davon aus, dass in allem Energie fließt, insbesondere in den eigenen vier Wänden und den Dingen, die uns umgeben.
  • Man geht nach Kategorien vor – Kleidung, Bücher, Papierkrams, Kleinigkeiten und “Alles Mögliche” (also Küche, Bad, Deko usw.) und Erinnerungen. Die Erinnerungen stehen am Ende des Prozesses, weil man sich auf dem Weg dorthin an das Loslassen gewöhnt beziehungsweise viele Knoten im Kopf gelöst hat.
  • Alles von einer Kategorie wird an einen zentralen Ort gebracht und Teil für Teil ausgemistet oder behalten. Ich konnte gar nicht so schnell hingucken, wie sich der Ausmisten-Haufen zu einem Ausmisten-Berg geformt hat.
  • Die ausgemisteten Sachen kommen weg (Halt: Erst bedanken! Jedes Teil hatte seinen Sinn und Zweck, selbst wenn es nur verdeutlichen sollte, was bisherige Fehlkäufe waren) und die zu behaltenden Sachen erhalten alle einen festgelegten Platz.
  • Das Einräumen erfolgt wiederum nach Kategorien, die Dinge erhalten einen festgelegten Platz und – Achtung – sie werden möglichst nicht mehr gestapelt. Das funktioniert nicht überall, aber zumindest fast. Und es erleichtert unfassbar, die Dinge ordentlich und übersichtlich zu halten.

Das war eine grobe Zusammenfassung der circa 200 Seiten des Buches. Es ist nicht schwer, nur ein bisschen aufwendig und teilweise emotional. Wobei ich sagen muss, dass das Buch bereits so viele Knoten in meinem Kopf löste, dass mir das Ausmisten irgendwann sehr leicht fiel.

Sobald alles ausgemistet war, begann ich, die Dinge zusammenzulegen und zurück zu sortieren. Plötzlich waren da leere Schubladen und Regale, ungefähr 100 leere Kleiderbügel. Eine komplette Kleiderstange war leer, Kisten standen rum. Wo ich vorher immer nur am Überlegen war, wo denn noch Regale hinkönnten, um mehr Platz zu schaffen, waren jetzt gar keine Sachen mehr da, die dort rauf könnten.

Das Fest des Aufräumens

Ich habe Sonntag bis Freitag geräumt, um dann alles am Samstag wegzufahren. Theoretisch war das “zu schnell” – Marie Kondo sagt selbst, dass der Prozess teilweise Monate dauern kann. Aber ich bin eher von der “Jetzt will ich es aber wissen”-Sorte, also rödelte ich von früh morgens bis spät in die Nacht, immer um meinen damaligen Job drum herum.

Eine große Erkenntnis, die das zukünftige Ansammeln von Zeug reduziert, ist, dass dieser ganze ausgemistete Kram tatsächlich dir gehört, er seit Ewigkeiten in deiner Wohnung vor sich hin gegammelt hat und – das war zumindest für mich ein leicht schockierender Moment der Erkenntnis – meine Wohnung nicht plötzlich leer war. Es war nicht so, dass ich nun nichts mehr hatte. Es war immer noch genug da. Mehr als genug!

Das Wegbringen der ganzen Sachen (Müll zum Recyclinghof, Bücher und Kleidung spenden) war dann mehr als peinlich. Auch eine entscheidende Erfahrung. Unsere Nachbarn dachten, wir würden ausziehen. Wir stellten zunächst alles von der Wohnung in den Hausflur, um dann alles in den gemieteten Sprinter zu verfrachten.

Es hatte fast etwas Demütigendes … und den Effekt, dass wir alles so schnell wie möglich ins Auto und wegbringen wollten.

Was ich aus der KonMari-Aktion gelernt habe

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  1. Ich habe viel zu viel. Punkt.
  2. Ich überlege mir bei jedem neuen Kauf dreimal, ob ich es wirklich brauche, ob es mir Freude bringt und ob es in die Wohnung passt.
  3. Ich lebe mit meinem Freund auf 49qm. Das erscheint vielen sehr überschaubar – mir bis dato auch – aber seit Anfang 2018 nicht mehr wirklich. Ich frage mich seither eher, warum andere so viel Platz benötigen. Aber aus meiner eigenen Historie heraus kann ich es mir schnell erklären.
  4. Ich fühle mich fokussierter – in allem. Im Privaten und im Beruflichen, bei Entscheidungen und – wie gesagt – bei Käufen.

Vom Minimalismus zu mehr

Umso länger ich mich mit dem Thema KonMari, Weniger ist mehr und Minimalismus auseinandersetze, desto mehr habe ich das Gefühl, dass es anderen ähnlich wie mir geht: Mit einem Impuls werden viele viele weitere Themen angestoßen, eines führt zum anderen … Für mich war das tatsächlich Marie Kondo und ihre Rückbesinnung auf das eigene subjektive Gefühl. Ich glaube nicht, dass die Methodik für jeden etwas ist, aber sie spricht eindeutig die Masse an. Für mich persönlich sind beispielsweise diese Bücher nichts, die einem eine komplett objektive Methode überstülpen: “Kaufe eins, schmeiß zwei weg” oder “Besitze maximal 100 Dinge”.

Aus meiner Sicht ist es doch immer noch das Beste, auf sein eigenes Gefühl zu hören, oder?

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